Die Tradition ein kigo zu finden – kigo: Gedanken zur Jahreszeit – mit dem ich meist meinen jährlichen Gruß zum Weihnachtsfest beginnen sollte und welches zugleich ruhigen Abschied von Vergangenem und freudigen Ausblick auf das Neue vermitteln würde, erinnert mich an ein in jeder Beziehung außergewöhnliches, ja unheimliches Jahr: Ich finde schlicht kein kigo, welches zu einem solch milden, fast befremdenden Herbst mit seiner Dürre und ungewohnt-unherbstlicher Wärme passen würde. Aber vielmehr noch: Ich finde keine Worte die tragischen Ereignisse vom März dieses Jahres noch einmal in unser Gedächtnis zurückzurufen. Dafür wird es nie ein kigo geben, keine Metapher wird dieser Apokalypse gerecht, die über Japan hereingebrochen ist. Hoffen wir, daß das kommende Jahr des Drachen für Japan nunmehr ein segensreiches wird, so wie das glückverheißende Symbol des Drachens dynamische Zuversicht und Tatendrang versprechen sollte.
Es war auch das Jahr des Gedenkens an hundertundfünfzig Jahre deutsch-japanischer Freundschaft. Unsere Gesellschaft nahm die Anregung auf und wir durften eine Fülle von Veranstaltungen organisieren, die diesem denkwürdigen Jahr gerecht wurden. Ich danke an dieser Stelle allen Ehrenamtlichen und Allen, die sich mit solchem Elan diesen großen Aufgaben gewidmet haben. Wir wurden von unseren japanischen Freunden engagiert unterstützt und es wäre müßig, noch einmal den bunten Reigen der Veranstaltungen in Stuttgart und Tübingen zu beschreiben. Ein Höhepunkt war sicherlich unsere mehrtägige Benefizveranstaltung im Zuge des Sakura-Festes, auf welchem wir ein beträchtliches Spendenvolumen zusammenbringen konnten. Auch danach riß die Spendenbereitschaft nicht ab und selbst heute noch verzeichnen wir Eingänge auf unserem Konto. Im Namen aller möchte ich Ihnen danken.

Wir haben im Vorstand lange diskutiert, wie wir das Spendenvolumen von ca. 48.000 EURO für die Opfer des Tohoku-Bebens einsetzen würden und schließlich bedurfte es einer notariellen Ergänzung unserer Satzung und einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im November d.J., so daß wir uns nun zu dieser Lösung entschlossen haben: Wir wollten zum einen uns nicht an einem anonymen Spendenwerk beteiligen, weil wir Erste Hilfe-ähnliche Maßnahmen ohnehin nicht direkt begleiten konnten, und wir wollten zum anderen darauf achten, daß unser Einsatz nachvollziehbar und nachhaltig, wenn möglich sogar langfristig sein würde. So fördern wir nun die uns nahestehende weil von unserem Tübinger Mitglied Wolfgang Fanderl gegründete Organisation Kyuentai mit 30.000 EURO. Kyuentai wird die psychotherapeutische Behandlung traumatisierter Waisenkinder finanziell unterstützen und Herr Fanderl, der sich mit japanologischen Themen zur Tohoku-Region befaßt, die kommenden Projekte persönlich und mit der Hilfe Ehrenamtlicher in Morioka auswählen und vor Ort begleiten. Mit weiteren15.000 EURO werden wir unter Maßgabe unseres Mitgliedes Herrn Yoshihara Musikinstrumente für Schulen im Raum Fukushima erwerben. Viele Schulen sind durch den Tsunami vernichtet und andere durch den Auswurf der havarierten Atomkraftwerke radioaktiv; nun gilt es den Kindern in den verbliebenen und den wieder hergerichteten Schulen mit Musik und Sport zu helfen, ihren alten Lebensrhythmus auch in psychischer Hinsicht wieder zu finden. Beide sind Projekte, die bei japanischen Geldgebern nicht unbedingt auf der Prioritätenliste stehen und so sind wir sicher, daß wir etwas Besonderes und Engagiertes tun. Wir sind beiden Herren, Herrn Fanderl und Herrn Yoshihara, dankbar, daß sie sich mit soviel Einsatz und persönlichen Mitteln engagierten. Das Spendenkonto wird auch weiterhin fortgeführt und wir werden auch die zukünftig eingehenden Beträge in den nächsten Jahren diesen beiden Projekten zukommen lassen. Unsere Schwesterorganisation Japanisch-Deutsche Gesellschaft in Nagano hat sich zudem bereit erklärt, mit Rat und Tat zu fördern und uns beiseite zu stehen. Ich hoffe, daß wir im Namen all unserer Mitglieder handeln – auch derer, die nicht an der außerordentlichen Versammlung teilnehmen konnten.

Aber ich möchte Ihnen allen für die großzügigen Spenden danken und mit diesem Dank schon jetzt die Hoffnung verbinden, daß Sie auch weiterhin diese zwei Projekte begleiten, wenn nicht finanziell so doch mit Ihrem Wohlwollen.

Gern hätten wir noch mehr eingebracht. Doch unsere finanziellen Mittel sind durch die vielen Ereignisse weitgehend erschöpft. Daher müssen wir im nächsten Jahr kürzer treten und wir kommen gern auf Beiträge und Anregungen unserer Mitglieder zurück, die monatlichen Veranstaltungen intern auszurichten, um nicht in gleichem Maße auf externe Interpreten und Künstler zurückgreifen zu müssen. Prof. Schmid hat das neulich mit seiner Präsentation zu Japan als Forschungs-und Technologiemacht exemplarisch vorgelebt. Damit wird die Gesellschaft vielleicht auch wieder persönlicher und zudem geselliger. Sie ist mit 220 Mitgliedern zwar stabil und in ihrer Bedeutung nunmehr durchaus vergleichbar mit der in anderen großen deutschen Städten, doch sie wächst nur langsam, was ich bei der Bedeutung Japans als Freund und Wirtschaftspartner kaum nachvollziehen kann. Einen Impuls zu mehr Bedeutung und zu einem Engagement vor allem jugendlicher Menschen verspreche ich mir durch die Zweiggruppe Tübingen, die im Rahmen des dortigen Japanologischen Seminars in diesem Jahr ins Leben gerufen wurde. Die Robert Bosch-Stiftung hat bekanntlich Preise für Verdienste um die Deutsch-Japanische Freundschaft ausgeschrieben. Bei der feierlichen Preisverleihung in der japanischen Botschaft wurden immerhin drei von uns durch Botschafter Shinyo ausgezeichnet – ich werte das als Anerkennung und Ansporn.
Bedeutung Japans: Mit unserer Veranstaltung Japan aus Unternehmerischer Sicht mit unserem Ehrenpräsidenten Prof. Dr. Berthold Leibinger und dem Vorsitzenden unseres Dachverbandes Dr. Vondran sowie dem Empfang im Stuttgarter Rathaus leisteten wir einen bedeutenden Beitrag, das Wissen von der Größe Japans als Kultur-und Wirtschaftsnation unter den Stuttgarter Bürgern zu fördern. Oberbürgermeister Schuster ist sich nun bewußt, daß es eines größeren Engagements seitens Stadt und Land bedarf, die zunehmenden Investitionen japanischer HiTech-Unternehmen in unserer Region auch kulturell zu begleiten, mit gesellschaftlichem Engagement abzusichern und die Zersplitterung all der sich mit Japan befassenden Organisationen, Museen, Gruppen zugunsten eines einheitlicheren Auftritts gegenüber der Öffentlichkeit zu beenden – wie es in anderen Regionen gelebt wird. Wir hoffen, daß sich die weiteren Gespräche bald in der einen oder anderen Form in Projekten konkretisieren.
Zum Schluß noch etwas, über das nachzudenken sich für Japan-Interessierte vielleicht lohnt. Wir sprachen in diesem ausgehenden Jahr sehr oft von dem Begriff Freundschaft. Doch was bedeutet Freundschaft in Japan – was bedeutet dieser Wert in Deutschland, in unserem eigenen Sprach-und Werteverständnis? Ursprünglich kannten die Japaner nur das tomo – was weniger unserem Wert Freund entspricht . es ist vielmehr der Geselle, Gefährte, der meinem familiären Umfeld Nahestehende. Aber Freund – denken wir an das von Schiller so meisterhaft dargestellte und eingeforderte Freundschaftsideal bis hin zur Selbstaufopferung – das ist es in Japan nicht. Die Japaner übernahmen seinerzeit, wohl weil sie solch ein idealisiertes Freundschaftsbild in unserem Sinne nicht kannten, chinesisch geprägte Lehnwörter wie yujin oder yujo für Freundschaft – ja heute zu oft sogar das Fremdwort furendo (friend) – um zu einem vergleichbaren Stellenwert in der globalisierenden Werteskala zu gelangen, der ihrer Kultur a priori eigentlich fremd war und der westlich besetzt wurde. Ein tomo oder tomodachi sieht seine Rolle traditionsgemäß mehr konventionskonform und im gesellschaftlich geprägten Beziehungsgeflecht, weniger in der stark idealisierten Bedingungslosigkeit, wie sie unser Begriff von idealer Freundschaft einforderte. Insofern hat, in japanischem und ein Deutschlandideal verklärendem Verständnis vieler Japaner, Deutschland sich wohl nicht ganz wie ein Freund verhalten, als sich die Tragödie dieses Jahres in ihrem vollen Ausmaße abzeichnete und als es sogleich mit der Evakuierung seines Personals reagierte . diese eher nüchterne oder gar rationale Haltung gegenüber den Ereignissen wäre wohl eher eine japanische gewesen . eben mehr die eines Gefährten, eines tomo, aber nicht die eines Ideals . Fürs Erste bleiben wir wohl noch Ferne Gefährten.

Also, nun wollen wir es dabei belassen: West wird Ost und Ost wird West – auch in der Betrachtung metaphysischer Werte.
Gute Wünsche zum Jahreswechsel sendet Ihnen Allen
Ihr Präsident Dr. Hans-Dieter Laumeyer

Spendenkonto der DJG-BW
Kontoinhaber: Deutsch-Japanische Gesellschaft BW e.V.
Konto-Nummer: 13 76 836 BLZ 600 501 01
Kreditinstitut: BW -Bank Stuttgart
Zweck: Spende Tsunami 2011
Name und Adresse des Spenders für Spendenbescheinigung.